Arbeitsunfälle vermeiden: Zahlen, Strategien und der richtige Unfallschutz
Arbeitsunfälle haben gravierende Folgen für Betroffene und das Unternehmen. Der Beitrag zeigt, welche Branche besonders gefährdet ist, welche Präventionsmaßnahmen dagegen helfen und wo Firmen passende Unterstützung erhalten können.
09/15/2025
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6 Minuten
Jeder Arbeitsunfall ist einer zu viel. Denn bei jedem Arbeitsunfall ist ein Mensch betroffen, unter Umständen mit langwierigen Folgen für seine Gesundheit und sein persönliches Umfeld. Gleichzeitig bedeutet jeder Arbeitsunfall Kosten für Unternehmen und Allgemeinheit. Dank hoher Standards in der Arbeitssicherheit und umfangreiche Präventionsmaßnahmen sinken die Unfallzahlen seit Jahren, dennoch gibt es eine besonders unfallträchtige Branche. Welche das ist, wie Unternehmen Arbeitsunfälle vorbeugen können und wo sie dabei Unterstützung bekommen, erfahren Sie in diesem Beitrag.
Zahlen, Daten, Fakten: Arbeitsunfälle in Deutschland 2024
Die gute Nachricht zuerst: 2024 ereigneten sich weniger Arbeitsunfälle als im Vorjahr. Laut der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) gab es 754.660 meldepflichtige Arbeitsunfälle, das sind 3,7 Prozent weniger als 2023. Darin eingeschlossen sind 9.923 schwere Arbeitsunfälle. Bei diesen Unfällen kam es zur Zahlung einer Rente wegen Erwerbsminderung oder -unfähigkeit oder eines Sterbegelds, denn es sind auch 345 Menschen zu Tode gekommen, 36 weniger als 2023. Meldepflichtig ist ein Arbeitsunfall, wenn er eine Arbeitsunfähigkeit von mehr als drei Tagen oder den Tod zur Folge hat.
Rechtlich den Arbeitsunfällen gleichgestellt sind Wegeunfälle. So wird jeder Unfall bezeichnet, den eine versicherte Person auf dem Weg zur oder von der Arbeit erleidet. Bei 173.483 meldepflichtigen Wegeunfällen kamen im vergangenen Jahr 215 Personen ums Leben, drei weniger als 2023. Mehr als die Hälfte der Wegeunfälle ereignen sich im Straßenverkehr. Insgesamt sank die Zahl der Wegeunfälle um 5,9 Prozent.
Im europäischen Vergleich ereignen sich in Deutschland wenige tödliche Arbeitsunfälle, hier liegt in der aktuellen Auswertung des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2021 Deutschland auf Platz 23 von insgesamt 27 Staaten . Anders sieht es bei den Arbeitsunfällen mit mehr als drei Tagen Arbeitsunfähigkeit aus, hier belegt Deutschland Platz sechs.
Trends & Entwicklungen
Positiv ist, dass Zahl der Arbeitsunfälle in Deutschland in den letzten Jahrzehnten deutlich zurückgegangen ist. Das zeigen die Daten der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV): So lag die Zahl der Arbeitsunfälle je 1.000 Vollbeschäftigten Ende der 1980er und Beginn der 1990er Jahre noch bei über 50. Mit der Corona-Pandemie sank die Zahl dann unter 20, und hat 2024 mit 17,27 ihren bisherigen Tiefstand erreicht. Bei diesen Unfallstatistiken ist allerdings zu berücksichtigen, dass Lockdowns und die Einführung von Homeoffice Wegeunfälle vermeiden konnten. Auch die Anzahl von tödlichen Wegeunfällen ist rückläufig, 2012 kamen dabei 386 Menschen um ihr Leben, 2024 waren es 215 – dieser Abwärtstrend hält seit zwölf Jahren an. Im Gegensatz dazu steigt die Zahl der nicht-tödlichen Wegeunfälle nach einem Einbruch während der Corona-Krise wieder leicht an.

Branchen mit erhöhtem Risiko – Baugewerbe besonders betroffen
Als besonders unfallträchtig gelten nach den Auswertungen der DGUV Baustellen. 2024 ereigneten sich dort 12,7 Prozent aller meldepflichtigen Arbeitsunfälle und mit 23 Prozent sogar fast jeder Vierte tödliche Unfall. Dass es sich häufig auch um schwere Unfälle handelt, zeigt ein Blick auf die Unfallrenten, die nach einer Arbeitsunfähigkeit gezahlt werden: 20 Prozent der neu gewährten Renten gehen an Beschäftigte des Baugewerbes.
Insgesamt lassen sich auf Baustellen drei Unfallmuster erkennen, was Rückschlüsse auf einen geeigneten Unfallschutz erlaubt:
- 1. Unfallmuster
Die verletzte Person ist in Bewegung, sie stolpert, stürzt oder prallt gegen einen Gegenstand.
- 2. Unfallmuster
Scharfe, spitze oder harte Gegenstände verursachen Verletzungen, etwa für Baustellen typische Handwerkzeuge und Maschinen wie Sägen, Messer sowie Baumaterialien.
- 3. Unfallmuster
Gegenstände in Bewegung verursachen Verletzungen, zum Beispiel Teile von Werkzeugen, Maschinen oder davon erzeugte Splitter, Späne oder Baumaterialien.
Mehr als drei Viertel der Baustellenunfälle haben Verletzungen an den Armen oder Beinen zur Folge. Ein Drittel entfällt hierbei allein auf die Hände. Bei der Art der Verletzung führen 42 Prozent der Unfälle zu Prellungen, Verstauchungen oder Quetschungen, 24 Prozent sind Stich-, Riss-, Schnittwunden an der Haut und 13 Prozent Frakturen.
| Verletzender Kontakt | Meldepflichtige Unfälle | Neue Unfallrenten | Tödliche Unfälle | |||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Metriken | Anzahl | % | Anzahl | % | Anzahl | % |
| Kontakt mit elektronischen Strom, Temperaturen, gefährlichen Stoffen | 2.981 | 2,7 | 33 | 1,6 | 6 | 9,1 |
| Ertrinken, verschüttet, eingehüllt, bergraben werden unter | 138 | 0,1 | 15 | 0,7 | 3 | 4,5 |
| Auprallen auf/ gegen ortsfesten Gegenstand (Verletzter bewegt sich) | 28.509 | 26,2 | 1.328 | 64,8 | 24 | 36,4 |
| Getroffen werden/ Zusammenstoßen mit einem bewegenden Gegenstand | 15.626 | 14,4 | 245 | 12,0 | 24 | 36,4 |
| Kontakt mit scharfen, spitzen, hartem, rauem Gegenstand | 34.048 | 31,3 | 141 | 6,9 | 1 | 1,5 |
| (Ein)geklemmt, (ein)gequescht, zerquetscht werden usw. | 8.163 | 7,5 | 133 | 6,5 | 5 | 7,6 |
| Akute körperliche oder seelische Überlastung | 18.810 | 17,3 | 151 | 7,4 | 2 | 3,0 |
| Sonstiges | 544 | 0,5 | 2 | 0,1 | 1 | 1,5 |
| Gesamt | 108.818 | 100,0 | 2.048 | 100,0 | 66 | 100,0 |
BU: Verletzungen bei Baustellenunfällen: Rund ein Drittel entsteht durch den Kontakt mit baustellen-typischen Werkzeugen und Maschinen
Die hohen Zahlen in den Unfallstatistiken haben Auswirkungen: Baugewerbe, Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Bergbau werden von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung als Branchen mit „hohem Risiko“, der höchsten Stufe, klassifiziert. Verarbeitendes Gewerbe und Hersteller gehören zur Klasse „mittleres Risiko“. Ein „niedriges Risiko“ haben beispielsweise Beschäftige der öffentlichen Verwaltung oder im Handel.
Warum Prävention wirkt – die Rolle von Arbeitsschutz und Ausstattung
Die Tendenz ist positiv: Das Unfallrisiko bei der Arbeit ist im vergangenen Jahr weiter zurückgegangen. Je 1.000 Vollzeitäquivalente ereigneten sich 2024 demnach 20,61 Unfälle bei der Arbeit, ein Rückgang um 2,3 Prozent. "Sinkende Unfallzahlen fallen nicht vom Himmel. Sie sind das Ergebnis des Engagements der Unternehmen und Beschäftigten für sichere und gesunde Arbeitsbedingungen“, sagt die stellvertretende DGUV-Hauptgeschäftsführerin Dr. Edlyn Höller und appelliert gleichzeitig für noch mehr Arbeitsschutz: „Wir alle sind gut beraten, in diesem Engagement nicht nachzulassen. Der Fachkräftemangel wird sich in den kommenden Jahren weiter zuspitzen. Mehr denn je sollten wir daher Maßnahmen, um unfall- und erkrankungsbedingte Ausfallzeiten oder Frühverrentungen zu verringern, nicht als Bürokratie verstehen, sondern als Investitionen, von denen alle Seiten profitieren."

Arbeitgebende sind nach § 5 des Arbeitsschutz-Gesetzes verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung in ihrem Betrieb vorzunehmen: Vor Beginn der Arbeiten – und danach in regelmäßigen Abständen – müssen die Arbeitsbedingungen im Betrieb auf Gefährdungen hin kontrolliert und bewertet werden. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin bietet für die Gefährdungsbeurteilungen einen interaktive Checkliste an, mit der Sie Schritt für Schritt herausfinden können, ob und welche körperliche Belastungen an einem Arbeitsplatz oder bei einer bestimmten Tätigkeit vorliegen.
Erfahren Sie, wie Sie die Basis für sicheres Arbeiten schaffen
Liegen Gefährdungen vor, ist der Arbeitgebende verpflichtet, alle technischen und organisatorischen Maßnahmen zu prüfen und umzusetzen, die das Risiko vermindern. Sind diese ausgeschöpft, muss er individuelle Schutzmaßnahmen ergreifen, zu denen auch die persönliche Schutzausrüstung, kurz PSA, gehört. Zur Kernsortiment PSA zählen unter anderem Helme, Schutzbrillen, Handschuhe, spezielle Arbeitsschuhe und Schutzkleidung. Auch hier werden Arbeitgebende unterstützt: Die BG Bau zahlt Zuschüsse für die PSA. Einen Katalog mit allen förderfähigen Produkten kann man hier einsehen.
Auch die beste Schutzausrüstung zeigt nur Wirkung, wenn sie getragen wird. Um die Akzeptanz der PSA bei Beschäftigen zu steigern, sollten auch regelmäßige Schulungen Teil der Präventionsstrategie sein. Arbeitgebende sollten auch auf die Qualität der PSA achten: Schuhe sollten eine optimale Passform haben, hochwertige Arbeitshandschuhe erlauben trotz Schutzwirkung ein gewisses Fingerspitzengefühl, Schutzbrillen gibt es auch in sportlich-eleganten Ausführungen.

Arbeitsschutz im Unternehmen – was ist zu tun?
Arbeitsschutzmaßnahmen sind gesetzlich vorgeschrieben. Investieren Sie in Arbeitsschutz, Zeit und Geld sind hier gut angelegt. Zum einen helfen eine sorgfältig geplante und regelmäßig umgesetzten Präventionsmaßnahmen Arbeitsunfälle und die damit verbundenen Fehlzeiten, Kosten und organisatorischen Aufwände zu verhindern. Zum anderen zeigen Sie mit einem guten Arbeitsschutzkonzept und einem hochwertigen Sortiment an PSA Ihren Mitarbeitenden Ihre Wertschätzung, was insbesondere in Zeiten des Fachkräftemangels die Bindung an Ihr Unternehmen erhöht.
Diese vier To-dos sollten Sie in Ihrem Arbeitsalltag umsetzen:
Investitionen in Arbeitsschutz zahlt sich aus
Ein Arbeitsunfall ist teuer für alle Beteiligten. Dem Unternehmen entstehen Kosten durch Lohnfortzahlungen und Personalausfall, es laufen außerdem weitere indirekte Kosten wie Produktionsausfall und Schäden an Betriebsmitteln auf, dazu kommen Behandlungs-, Rehabilitations- oder gar Rentenkosten. Für das Jahr 2023 geht die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (baua) von 82 Millionen Arbeitsunfähigkeitstagen durch Verletzungen, Vergiftungen und Unfällen aus und rechnet mit 11,8 Mrd. Euro Ausgaben für Lohnkosten und Produktionsausfälle, sowie einem Ausfall von 20,4 Mrd. an Bruttowertschöpfung.
Dazu kommen die volkswirtschaftlichen Auswirkungen: Trotz Rückgang der Unfallzahlen stiegen die Ausgaben der Unfallversicherungen 2024 um 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Mit rund 12,3 Milliarden Euro entfiel der größte Teil davon auf Versicherungsfälle. Auch die ärztliche Versorgung schlägt zu Buche: Die Kosten für Heilbehandlungen und Rehabilitation stiegen um 3,7 Prozent auf 5,9 Mrd. Euro. Die Kosten für die finanzielle Entschädigung von Versicherten um 2,2 Prozent auf 6,4 Mrd. Euro.
Investitionen in den Arbeitsschutz, die zu weniger Arbeitsunfällen führen, können Kosten für Unternehmen und Allgemeinheit senken. Und auch indirekt lohnen sich Ausgaben für Gefährdungsbeurteilungen und Maßnahmen für mehr Arbeitssicherheit: In den Jahren 2006 bis 2008 untersuchte die DGUV und die Justus-Liebig-Universität Gießen die Kosten und den Nutzen der Unfallprävention in Betrieben. Für die betriebliche Präventionsarbeit in Deutschland ließ sich ein Return on Prevention (Präventionsnutzen-Präventionskosten-Verhältnis) in Höhe von 1,6 ermitteln.
Fazit: Mit geeigneten Präventionsmaßnahmen können Arbeitsunfälle weitgehend vermieden werden, das zeigt der stetige Rückgang der Unfallzahlen. Wer Gefährdungspotenziale identifiziert, Präventionsmaßnahmen ergreift, Verantwortlichkeiten klärt, Mitarbeitende sensibilisiert und regelmäßig schult sowie in ein solides Arbeitsschutzsortiment investiert, schützt Mitarbeitende und Betrieb gleichermaßen. Für Unternehmen gibt es von verschiedenen Stellen wie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung oder der BG Bau verschiedene Formen der Unterstützung, organisatorisch mit Checklisten oder Beratungsangeboten sowie finanziell, zum Beispiel mit Arbeitsschutzprämien.