Vor zehn Jahren wurde die Johanniterkirche in Schwäbisch Hall mit der Ausstellung „Alte Meister in der Sammlung Würth“ eröffnet – Besuchermagnet Holbein-Madonna

04.12.18

Schwäbisch Hall. Vor zehn Jahren ist die Johanniterkirche in der Altstadt von Schwäbisch Hall als Ausstellungshaus für die Alten Meister der Sammlung Würth feierlich wiedereröffnet worden. Welche Anziehungskraft das preisgekrönte Gebäude, das als Dependance der Kunsthalle Würth geführt wird, seither ausstrahlt, belegen die über 530.000 Menschen, die bislang begrüßt werden konnten. Das berühmteste Exponat, die sogenannte Schutzmantelmadonna von Hans Holbein dem Jüngeren, fand 2012 im ehemaligen Chor des säkularisierten Kirchengebäudes seine neue Heimstatt.

Zum zehnten Jahrestag am Sonntag, 16. Dezember, dem dritten Advent, lädt das Team der Kunsthalle Würth zu einem Adventsnachmittag mit Angeboten für die ganze Familie: Ab 14 Uhr gibt ein Kinder-Familien-Workshop, Gelegenheit schöne weihnachtliche Objekte zu gestalten. Um 15 Uhr gleitet ein Rundgang kleine und große Besucher zu den wichtigsten Motiven der Weihnachtsgeschichte. Um 16 Uhr beginnt im Hof der Johanniterkirche das Adventssingen mit dem Münchner Knabenchor und auf kleine Besucher wartet zudem eine Überraschung. Der adventlich geschmückte Museumshof im Weiler liefert allen Aktivitäten ideale Voraussetzungen für vorweihnachtliche Stimmung.

1. Die Johanniterkirche

Die Johanniterkirche, ein säkularisiertes Kirchengebäude aus dem 12. Jahrhundert, zählt zu den herausragenden Kulturdenkmalen in Schwäbisch Hall. Ihre Sanierung umfasste den Einbau modernster Haus-, Sicherheits-, Klima- und Sanitärtechnik nach höchsten musealen Standards sowie die denkmalgerechte Restaurierung des originalen liegenden gotischen Dachstuhls von 1400/01, der sich als ältester seiner Art in Süddeutschland erweist. Zahlreiche, in der wechselvollen Geschichte profaner Nutzung unsachgemäß hinzugekommene bauliche Ergänzungen mussten zunächst entfernt werden. Dekorelemente wurden freigelegt und gereinigt, die Natursteinfassade restauriert, die Gewölberippen des Chors und die Gewände der Maßwerkfenster im Innenraum konservatorisch behandelt und der Dachstuhl freigelegt, um das Gebäude wieder in seiner ursprünglichen Gestalt, Schönheit und Qualität erlebbar werden zu lassen. Ein moderner Anbau aus Glas, Stahl und regionalem Sandstein erfüllt alle notwendigen Anforderungen zur Besucherlogistik für ein Museum. Dieser in zeitgemäßer Formensprache ausgeführte Kubus respektiert die Dominanz der historischen Johanniterkirche.

Der neue Baukörper bleibt in seiner Höhe deutlich unter der Trauflinie des Kirchenbaus. Der Rücksprung der Glasfuge ermöglicht die Sichtbarlassung der Eckquaderung an der Nordwestecke der Kirche. Dadurch und durch die Transparenz der Eingangsfassade des Anbaus bleibt das historische Baudenkmal in seinen ursprünglichen Abmessungen weiterhin erlebbar. Verantwortlich für den Neubau zeichnete das Stuttgarter Architekturbüro Erich H. Fritz. Der Bau wurde im Jahr 2011 mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet. Die Johanniterkirche trägt entscheidend zur Belebung der Schwäbisch Haller Altstadt bei. Sie wird als Dependance der nur unweit entfernten Sammlung Würth geführt und bietet ca. 350 Quadratmeter Grundfläche und etwa 150 laufende Meter Hängefläche. Die Johanniterkirche ist von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Der Eintritt ist frei.

2. Holbein-Madonna und Sammlung Alter Meister in der Sammlung Würth

Vor knapp 500 Jahren schuf Hans Holbein der Jüngere (*1497/98 in Augsburg – 1543 London) in Basel sein Meisterwerk, die »Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen« (gen. »Darmstädter Madonna«). Ihren Weltruhm verdankt die Tafel, die mit der Sixtinischen Madonna von Raffael verglichen wird, zu gleichen Teilen ihrer langen und komplexen Entstehungsgeschichte, der genialen kühnen Bilderfindung Holbeins, wie auch ihrem höchst ungewöhnlichen späteren Schicksal. Die mit einem Halbkreis nach oben hin abgeschlossene Tafel zeigt die stehende Gottesmutter mit dem Christuskind im Arm in einer mächtigen Muschelnische. Ihr weit geöffneter Umhang, der sie als sogenannte Schutzmantelmadonna ausweist, beschirmt die zu ihren Füßen knienden Figuren. Neben anderen herausragenden Meisterwerken des ausgehenden Mittelalters aus der Sammlung Würth, z. B. von Lucas Cranach d. Ä., Tilman Riemenschneider oder dem Meister von Messkirch, befindet sich hier auch ein Werk Hans Holbeins d. Ä., des Vaters von Hans Holbein d. J.

Der Kernbestand der Kollektion Alter Meister, die sich der Kunst des deutschen Südwestens – einschließlich des Bodenseeraumes und der Nordschweiz – vom ausgehenden Mittelalter bis zur beginnenden Neuzeit widmet, bildet der 2003 von Reinhold Würth erworbene ehemals Fürstlich Fürstenbergische Bilderschatz Donaueschingen. Die kunst- und kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Konvoluts ist alleine schon deswegen so hoch einzuschätzen, weil die meisten Tafelbilder einer Zeit entstammen, aus der aufgrund des in Schwaben besonders radikal durchgeführten Bildersturmes nur äußerst selten Bilddokumente überliefert sind. Erhalten haben sich zum Beispiel die phänomenale Familie der Naturmenschen Lucas Cranachs d. Ä. und ein ganzes Konvolut aus seiner Werkstatt mit religiösen Szenen, profanen Lehrstücken und Portraits. Hervorzuheben sind aber auch ein um 1441/42 datiertes Konstanzer Bildnis des Ehepaares Wilhelm IV. Graf Schenk von Schenkenstein und Agnes Gräfin von Werdenberg-Trochtelfingen – das früheste bekannte Doppelporträt der altdeutschen Tafelmalerei – und zahlreiche Tafelbilder des Meisters von Meßkirch oder die Tafeln des Antonius-Retabels des Zürcher Veilchenmeisters.

Sowohl auf dem Gebiet der Tafelmalerei als auch der Skulptur, etwa mit qualitätvollen Beispielen von Daniel Mauch, Tilman Riemenschneider oder dem näheren Umkreis des Hans Multscher, wurde dieser Bestand sinnstiftend ergänzt. Als Höhepunkte dürfen weitere Neuzugänge aus der Hand Lucas Cranachs d. Ä. gewertet werden. Gemeinsam mit den Werken des ehemals Fürstlich Fürstenbergischen Bilderschatzes bilden die Neuerwerbungen mit der profanierten Kirche eine glanzvolle Einheit.

3. Prominente Besucher

Die Johanniterkirche ist immer wieder Ziel von prominenten Gästen. Unter anderem wurde sie besucht von: dem Schlagersänger Bill Ramsey 2012, dem französischen Botschafter Philippe Noël Marie Marc Étienne 2015, dem französischen Generalkonsul Nicolas Eybalin, 2015 und 2018, der französischen Botschafterin Anne-Marie Descôtes 2018, dem ehemaligen Außenminister Joschka Fischer 2017, dem Friedensnobelpreisträger Kofi Annan 2017, der Schauspielerin Marie-Luise Marjan 2014, dem ehemaligen Bundespräsident Joachim Gauck 2012 und den Madonnenkindern aus Darmstadt 2014. Letztere sind dem Gemälde von Hans Holbein d. J. emotional besonders verbunden: So durften nämlich in den fünfziger Jahren während der Zeit der Leihgabe des Bildes nach Basel alljährlich 20 bedürftige Darmstädter Kinder zu einem vierwöchigen Erholungsaufenthalt nach Davos in die Schweiz fahren.

Kofi Annan in der Kunsthalle Würth

Friedensnobelpreisträger Kofi Annan bei seinem Besuch 2017 in der Johanniterkirche.

Foto: Würth/Ufuk Arslan

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