Eröffnung der Ausstellung „(na, fritze?) lakritze. Das Universum Dieter Roth in der Sammlung Würth“ und 30 Jahre Hirschwirtscheuer

25.11.19

Künzelsau. Genialer Dilettant, Universalkünstler, Allesnichtkönner – beinahe so vielfältig wie sein Schaffen sind die Beschreibungen des schweizerisch-deutschen Künstlers Dieter Roth. Bis 26. April 2020 entdeckt die Schau „(na, fritze?) lakritze“ in der Hirschwirtscheuer in Künzelsau das Universum Dieter Roth in der Sammlung Würth. Die Ausstellung wirft Schlaglichter auf rund 30 Arbeiten vorwiegend aus Roths wichtigster Werkphase der 1960er- und 1970er-Jahre.

„Dieter Roth, zeitlebens kritisch gegenüber dem Musealen, hat alle Grenzen dessen verschoben, was in Museen zu sehen ist“, sagt C. Sylvia Weber, mit Natascha Häutle und Kirsten Fiege Kuratorin der Schau. „Mit einer vehementen Verpflichtung gegenüber der Freiheit und dem Leben arbeitete er im besten Sinne intermedial, schrieb Gedichte, filmte, produzierte Multiples aus organischen Materialien wie Käse, Schokolade oder Zimt und reizte Drucktechniken bis aufs Äußerste aus.“

Dieter Roths Werke lassen die Betrachtenden manchmal rätselnd, oft vergnügt, immer beeindruckt vom technischen Erfindungsreichtum und Geschick des Künstlers zurück. Legendär sind die „Karnickelköttelkarnickel“ (1972) aus Hasenmist und Stroh ebenso wie Roths Werke, die Lebensmittel als Hauptbestandteil haben. Vergänglichkeit, Zufall und das Prozesshafte sind bestimmende Themen seines Schaffens. Roth sieht die Schönheit des Schimmels, die Ästhetik des Verfalls und bezieht sie aktiv in seine Kunstproduktion ein.

Dieter Roths künstlerischer Ursprung blieb jedoch die Druckgrafik. Als gelernter Werbetechniker war er mit den ästhetischen wie den technischen Grundlagen dieses Mediums vertraut und transformierte sie. Ein zentrales Werk der Ausstellung in der Hirschwirtscheuer ist daher das Mappenwerk „Containers“ (1972/73), das als eine Art Portfolio seines Schaffens bis Anfang der 1970er Jahre dient. Es beinhaltet unter anderem fotografische Reproduktionen, Briefmarken und eine Reihe Druckgrafiken, auf die er etwa einen Schokoladenkäfer und ein Stück Lakritze aufpresste. Bestempelt sind die Grafiken mit lautmalerischen Bezeichnungen, wie bei der Arbeit, die der Ausstellung ihren Namen gab: „(na, fritze?) lakritze“. Die saloppe Anrede führt nicht nur den Betrachter direkt ins Bild, entpuppt sich doch, was man für einen Regenwurm halten könnte, als ins Papier gefressene gewundene Lakritzstange, sondern weist auch auf Roths Beschäftigung mit Konkreter Poesie zu Beginn seiner künstlerischen Karriere hin.

In der Sammlung Würth befindet sich ein Konvolut von über fünfzig Arbeiten Dieter Roths. Die Schau „(na, fritze?) lakritze. Das Universum Dieter Roth in der Sammlung Würth“ wird nach der Hirschwirtscheuer an zwei Orten außerhalb Deutschlands zu sehen sein: ab 8. Mai 2020 im Forum Würth Arlesheim in der Schweiz und ab Frühjahr 2021 in der Galleri Würth nahe Norwegens Hauptstadt Oslo.

Dieter Roth (1930-1998)

Der 1930 geborene deutsch-schweizerisch Künstler Dieter Roth gilt als Universaltalent. Sein Œuvre umfasst Druckgrafiken, Zeichnungen, Gemälde und kinetische Objekte, Materialbilder, Collagen und Assemblagen, Künstlerbücher und literarische Texte sowie Schmuckstücke. Weithin bekannt wurde er aber vor allen Dingen mit den Schokoladen- und Schimmelobjekten. 1982 vertrat Roth die Schweiz auf der Biennale in Venedig. Er veröffentlichte weit über 200 Bücher, viele selbst gestaltet, teils am Kopierer hergestellt und verlegt. Roth lebte in Deutschland, der Schweiz, Dänemark, Island, den USA und Österreich. In den 1990ern gründete er die „Dieter Roth Foundation“ in Hamburg. Dieter Roth starb 1998 in Basel.

30 Jahre Hirschwirtscheuer – Museum für die Künstlerfamilie Sommer

Eröffnet als Kunstmuseum am 23. November 1989, begeht die Hirschwirtscheuer mit der Vernissage der Ausstellung „(na, fritze?) lakritze. Das Universum Dieter Roth in der Sammlung Würth“ ein Jubiläum: Seit 30 Jahren ist das Haus in der Künzelsauer Altstadt ein Kunstmuseum.

Die Hirschwirtscheuer wurde als Wohnhaus mit Scheune im Jahr 1760 von dem Hohenloher Hofmaurer Johann Georg Scharpf (1726-1785) erbaut. Später wurde sie nur noch als Scheune genutzt und befand sich vor 1986 in nicht mehr erhaltungsfähigem Zustand. 1988/89 ist sie mit Hilfe der Stiftung Würth nach alten Plänen auf dem originalen Kellergewölbe des historischen Gebäudes als Museumsbau neu errichtet worden.

Im Mittelpunkt einer ständigen Ausstellung stehen Werk und Wirkung der aus Kocherstetten stammenden und von 1642 bis 1786 in Künzelsau lebenden Familie Sommer, deren Mitglieder als Schreiner, Baumeister, vor allem aber als Bildhauer in den Schlössern und Kirchen in und um Künzelsau ihre künstlerischen Spuren hinterlassen haben. Das Jubiläum war Anlass, die Dauerausstellung zu überarbeiten, sodass Besucherinnen und Besucher anhand der Exponate noch mehr über die Werkstatt Sommer und die Barockzeit erfahren können. Neben didaktischem Material zum Selbstentdecken lässt eine Hörstation im 1. Obergeschoss die Zeit lebendig werden. Darüber hinaus präsentiert die Hirschwirtscheuer heute kleinere Wechselausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst aus der Sammlung Würth. Über 125.000 Kunstinteressierte haben die Hirschwirtscheuer seit 1989 besucht.

na, fritze?) lakritze
// Das Universum Dieter Roth in der Sammlung Würth

Bis 26. April 2020

Hirschwirtscheuer, Künzelsau