Stiftung Würth initiiert Studie zur Wirkung des Fachs Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung in Baden-Württemberg

28.09.20

Künzelsau. Mit dem Bildungsplan 2016 wurde das Fach Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung (WBS) für alle weiterführenden allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg eingeführt. Eine von der Stiftung Würth finanzierte Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Günther Seeber und Jun.-Prof. Dr. Tim Kaiser (beide Universität Koblenz-Landau) evaluiert die Wirkung des Fachs in der Sekundarstufe I.

Dazu wurden die Ergebnisse eines ökonomischen Kompetenztests von Schülerinnen und Schülern ohne und mit Fachunterricht in den Klassen 7 und 8 verglichen. Die wichtigsten Testergebnisse hinsichtlich des Facheffekts im Überblick:

  • Es gibt bereits nach einem Jahr am Ende von Klasse 7 einen positiven Effekt des Schulfachs WBS auf die Testergebnisse. Zwar ist er insgesamt noch klein, aber insbesondere Schülerinnen und Schüler der Werkrealschulen und Realschulen verzeichnen Leistungszuwächse.
  • Am Ende von Klasse 8 zeigen sich signifikante Differenzen zwischen den Schülerinnen und Schülern mit bzw. ohne Fach. Gerade leistungsstarke Lernende im Gymnasium verbessern sich in der 8ten Klasse erheblich.
  • Vom Fachunterricht WBS profitieren in der Gemeinschaftsschule, Werkrealschule und Realschule vor allem sozioökonomisch benachteiligte Schülerinnen und Schüler. In diesen Schularten scheint sich der Gender-Gap zugunsten der Jungen durch den Fachunterricht tendenziell noch zu verstärken.
  • Lernende, die das Fach WBS besuchen, entwickeln ein deutlich höheres Interesse an Wirtschaftsthemen.
  • Bislang gibt es keine Hinweise auf eine einseitige „Indoktrination“ durch das eigenständige Fach. Zum Beispiel zeigen die Lernenden mit bzw. ohne Fachunterricht keine Unterschiede hinsichtlich ihrer Einstellungen zu Wettbewerb, zur Einkommensverteilung oder zur Fairnessbeurteilung unterschiedlicher Arten der Güterzuteilung. Gleichzeitig sprechen Lernende mit dem Fach WBS Unternehmen in stärkerem Maß soziale Verantwortung zu als jene ohne Fach.
  • Es bestehen bereits in diesem Alter substanzielle Geschlechterunterschiede. Das gilt insbesondere für die Einstellungen zu Wettbewerb (positiver bei Jungen) und zur sozialen Verantwortung von Unternehmen (positiver bei Mädchen).

Unabhängig vom Fachunterricht zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Testleistung und sozioökonomischem Status sowie den Kenntnissen der deutschen Sprache: je höher der Status und je besser die Sprachkenntnisse, desto besser die Leistung.

Zusätzlich zur Befragung der Schülerinnen und Schüler wurde der fachliche Hintergrund der Lehrkräfte erhoben. Zwar war die Teilnahmebereitschaft der Lehrkräfte gering, dennoch zeigte die Studie, dass Schülerinnen und Schüler, die von fachfremden Lehrpersonen unterrichtet wurden, im Durchschnitt schlechtere Ergebnisse erzielen.

 

Das Design der Studie

Die Testung erfolgte jeweils zum Ende des Schuljahres direkt in den Klassen per Online-Fragebogen. Die Testergebnisse wurden auf Basis der Item-Response-Theorie (IRT) ausgewertet. Deskriptive Analysen wurden durch Regressionen ergänzt. So können die Zusammenhänge zwischen unabhängiger (z.B. Schulform) und abhängiger Variable (Testergebnis) aufgezeigt werden. Zusätzlich sind Aussagen über die Intensität dieses Zusammenhangs möglich. Zur Interpretation wurden die Daten auf eine 500-Punkte Skala transformiert – ein Vorgehen, das beispielsweise auch in der PISA-Studie Anwendung findet.

Die Wirtschaftskompetenzstudie wird unterstützt vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport des Landes Baden-Württemberg und begleitet von MTO Psychologische Forschung und Beratung GmbH Tübingen. Die Studie soll bis zur 10ten Klasse (Sommer 2021) weitergeführt werden, um die gesamte Sekundarstufe I abzubilden und robuste Aussagen hinsichtlich des Facheffekts und der Entwicklung von Einstellungen im Hinblick auf den gesamten Bildungsplan treffen zu können.

 

Download

Die Veröffentlichung ist kostenfrei unter dem Link: www.oekonomische-bildung-bw.de verfügbar.

 

Ausgewählte Zitate zur Wirtschaftskompetenzstudie

„Das Fach Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung haben wir vor allem aus zwei Gründen eingeführt. Zum einen gibt es den Bedarf, in der Schule auch ein ökonomisches Grundwissen vermittelt zu bekommen. Zum anderen wollen wir den Schülerinnen und Schülern angesichts der Vielzahl von Möglichkeiten bei der Berufs- bzw. Studienwahl mehr Unterstützung geben. Beides greifen wir mit dem Fach auf. Wir stärken also die berufliche Orientierung, bringen den Schülerinnen und Schülern aber auch bei, ihre eigenen Entscheidungen als Konsumenten zu reflektieren und sich mit Themen wie zum Beispiel Sparen, Kredite und Steuern auseinanderzusetzen.“

Dr. Susanne Eisenmann, Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg.

 

„Im Hinblick auf die kontroverse Diskussion im Vorfeld der Einführung des Fachs Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung war es wichtig, den Prozess wissenschaftlich zu begleiten. Wir konnten sehen, dass sich der Unterricht einerseits positiv auf das Interesse der Lernenden und auf ihre ökonomische Kompetenz auswirkt, andererseits gab es keine Hinweise auf eine Indoktrination, wie sie von Kritikern des Fachs oft befürchtet wurde. Die Einführung des Fachs scheint ein richtiger Schritt zu mehr Wirtschaftskompetenz baden-württembergischer Schülerinnen und Schüler zu sein.“

Prof. Dr. Günther Seeber, Universität Koblenz-Landau

 

„Die vorliegende Studie von Prof. Dr. Günther Seeber zeigt, dass sich das Fach Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung positiv auf das Interesse Jugendlicher an wirtschaftlichen Themen auswirkt. Das ist der erste Schritt, um wesentliche ökonomische Kompetenzen zu erlangen, gut auf das Leben und Berufsleben vorbereitet zu sein und auch die berufliche Selbständigkeit schon früh in Erwägung zu ziehen.“

Harald Unkelbach, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Würth

 

Kompetenzzentrum Ökonomische Bildung

Nachdem zu Beginn der 2000er Jahre bereits umfangreiche Studien zum Wirtschaftswissen Jugendlicher durchgeführt wurden, markierte das zehnjährige Jubiläum des Kompetenzzentrums im Jahr 2015 den Auftakt einer Reihe von Studien zu ökonomischen Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern in Baden-Württemberg. Das Kompetenzzentrum Ökonomische Bildung Baden-Württemberg ist eine Initiative des Unternehmers Prof. Dr. h. c. mult. Reinhold Würth. Es kooperiert eng mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg. Für Schulen in Baden-Württemberg existieren diverse praxisorientierte Angebote, wie beispielsweise der Würth Bildungspreis, die HANDWERKSTATT oder das Wirtschaftspraxisprogramm für Lehrkräfte.